Grundsätzlich ist Moral – egal ob man es nach Kant oder modern betrachtet – ein Abwehrmechanismus. In der modernen Welt dient Moral eher dazu, um andere Menschen zu kontrollieren und seine sadistische Seite auszuleben. Wenn ich es nicht will, soll es auch kein anderer wollen. (Also eine Neurose mit sadistischem Charakter oder die Borderline-Struktur sowie die psychotische Struktur, je nach Ausprägung.)
Also ist Moral, so wie wir sie leben, ein Produkt, das Menschen kontrollieren soll und somit berechenbar macht. Das war schon so, als die Bibel geschrieben wurde, und heute ist es nicht anders. Also ein Konditionierungsapparat zur gezielten Verhaltensänderung und -steuerung im Willen des Bestrafens. Man muss nicht denken, sondern nur das tun, was gewünscht und maßgeblich für die „Mehrheit“ ist. Wobei die Mehrheit immer sehr subjektiv betrachtet werden muss, da es sich um eine scheinbare Mehrheit handelt. Meist sind es die, die am lautesten sind, oder jene, welche die größte Unterstützung aus den Reihen der Medien oder Justiz erfahren.
Diese willkürliche Interpretation von dem, was Moral zu sein hat und wie diese interpretiert wird, ist sehr unterschiedlich und von Mensch zu Mensch verschieden. Somit ist Machtmissbrauch im Sinne der Umsetzung unvermeidlich.
Nach Kant – der ja Moral danach einteilte, ob man pflichtgemäß oder aus eigener Pflicht handelt – sollte man eher dazu neigen, selbst zu denken und zu tun, was man sich selbst auferlegt (somit entgeht man laut Kant auch dem Determinismus) und nicht danach, ob es nur dem Eigenzweck dienlich und, wenn es nicht kontrolliert oder bestraft wird, auch nicht falsch ist.
Kant hat mit seiner legendären Aussage „Sapere aude“ – sich also seines eigenen Verstandes zu bedienen – einen Meilenstein in der Geschichte der Moralphilosophie gelegt.
Sodann komme ich also zu der modernen Moralvorstellung – Moral als Abwehrreaktion des Ichs, um sich selbst aus der Schuld zu befreien.
Hier kommt Nietzsches Ausspruch gerade recht, wenn man sagt: „Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt mein Gedächtnis nach.“
Dieser Satz stammt aus dem Buch „Jenseits von Gut und Böse“, wobei wir bei der modernen Psychoanalyse sind, also bei Melanie Klein und Otto Kernberg (Zweiterer verbreitet immer noch sein Wissen unter den Menschen).
Diese zwei großartigen Denker haben das Prinzip der Spaltung im psychischen Sinn eingeführt – Melanie Klein als Vorreiterin und Otto Kernberg, der diesen Gedanken fortgeführt hat.
Melanie Klein hat entdeckt, dass Säuglinge in den ersten Tagen der Hirnentwicklung zu spalten beginnen. Es ist also strukturell und elementar in der Hirnentwicklung und somit auch in der Bindungspsychologie relevant.
Der psychische Mechanismus der Spaltung nach Melanie Klein, wobei Spaltung immer bedeutet: Das Ich und das Selbst werden gespalten – aber auch das Objekt.
Die eigenen aggressiven Impulse werden als bedrohlich erlebt und abgespalten, das heißt, sie gehören nicht mehr zu mir.
Was passiert aber mit ihnen? Sie werden nach außen projiziert – und zwar nach außen auf die Beziehung zum Objekt oder bei Melanie Klein auf die Brust der Mutter.
Damit ist das Erleben der Brust nun gespalten in zwei Teile, und zwar in eine ganz gute und in eine ganz böse Brust – oder Objekt. Um beide auseinanderzuhalten, werden beide Qualitäten sozusagen übertrieben. Es gibt dann eine ganz gute und idealisierte und eine ganz böse, verfolgende Brust.
Von außen würde man sagen, es ist die gleiche Mutter oder Person, subjektiv wird es als zwei unterschiedliche Zustände erlebt – sowohl im Selbsterleben als auch im Erleben des Objekts. Das heißt, mit der Spaltung geht immer auch die projektive Identifizierung einher. Eigene aggressive Anteile des Babys, die abgespalten werden, werden nach außen projiziert auf das Objekt, das Objekt wird mit diesem Affekt identifiziert und mein eigener Affekt kehrt mir sozusagen von außen als böser Verfolger wider.
Anders formuliert: Das sehr unreif entwickelte Ich kann noch keine Ambivalenzen oder Gefühlsambivalenzen ertragen. Das heißt, es gibt entweder Schwarz oder Weiß, und dass ich zu so einem wichtigen Objekt wie der Mutter solche Gefühle habe, kann noch nicht integriert werden und deshalb werden diese auseinandergehalten.
Es geht also um den Verbleib der aggressiven Regungen, die sozusagen ihren Aggregatzustand ändern. Sie sind jetzt nicht mehr in mir und gehören zu mir, sondern sie gehören im Außen zum Objekt und werden dann paranoid erlebt, nämlich als verfolgend von außen.
Nochmal anders: Das frühe Ich kann nicht nur keine Ambivalenz aushalten, sondern auch keine Abwesenheit denken. Das heißt, alles ist immer da, alles ist immer präsent. Entweder die gute Brust ist da (wenn der Hunger gestillt ist und alles gut ist) oder die böse Brust ist da und verfolgt mich. Das heißt, die gute Brust ist noch nicht so verinnerlicht, dass sie vermisst werden kann und an sie gedacht werden kann, sondern meine eigene Aggression wird immer als paranoid-verfolgend von außen erlebt. Es ist immer alles gut oder schlecht – es gibt keine Abwesenheit.
Kernberg fasst es in einem „Schwarz-Weiß-Denken“ zusammen, das ein psychotisches Niveau erreichen kann und eine völlige innere Desintegration des Denkens ist. Eine panisch-psychotische Funktion des Ichs, um seine Auflösung zu verhindern – wohl ein Identitätskonflikt, der die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt zusammenbrechen lässt und somit eigene Ängste als reale Bedrohungen wahrnehmen lässt. Die Realitätsprüfung des Ichs (Ich-Selbst-Gefüge) geht verloren und es kommt zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen, da sich die inneren Bilder nicht mehr von den äußeren trennen lassen.
Das Borderline-Niveau, auf dem es als klassischer Abwehrmechanismus benutzt wird: Es wird gespalten, um sein eigenes Ich vor einem inneren Chaos zu schützen – die Welt wird in „Gut und Böse“ gespalten. Man idealisiert Menschen (Liebe zum Beispiel ist so ein Zustand). Die Realitätsprüfung funktioniert, aber emotional ist man sehr instabil.
Das neurotische Niveau ist eine reife Form der Aufarbeitung der Spaltung im Inneren. Die Aufarbeitung erfolgt über Verdrängung, und unangenehme, nicht integrierbare Emotionen werden ins Unbewusste verschoben.
Um das klar zu formulieren: Mein Zugang zu Moral ist jener, dass wir spalten – und zwar, weil uns das Sicherheit und Berechenbarkeit gibt. Und zwar deshalb, weil es eine Regression ist, und diese verleiht uns Sicherheit – wie im Schoß der Mutter. Somit ist meine Antwort auf die Frage: „Was ist Moral und ist sie ein Naturgesetz?“, es ist der Grundstock unserer Gehirnentwicklung, und ja, Moral ist in Hinsicht auf unser Denken ein Naturgesetz. Sobald wir, also als Säugling aus dem Uterus in die Welt entkommen, kommen Widerstände und der „Verlust des Paradieses“, wie Freud es einst in seinem Buch „Hemmung, Symptom, Angst“ formulierte, auf ihn oder sie zu! Des Weiteren muss der Säugling zuerst einmal verstehen, dass er eine Person ist und nicht mit der Mutter eine Person darstellt.